2026-09-22 Col du Donon - Le Hohwald
Der zehnte Wandertag auf dem GR53. Und ich weiß nicht, wo die Tage alle geblieben sind. Es geht mit dem Taxi nochmal zurück zum Col du Donon und dann zu Fuß hinunter nach Schirmeck und auf der drüberen Seite hoch, vorbei an der Gedenkstätte Struthof. Dann Abstieg nach Le Hohwald.
Der Taxifahrer ist am Morgen merklich verwundert, als wir ihm sagen, dass er uns nur auf den Col du Donon fährt, damit wir von dort nach Schirmeck absteigen, wo er uns ja auch hätte absetzen können, weil wir praktisch daran vorbeigefahren sind. Aber - nur die Harten kommen in den Garten - also fahren wir hoch und gehen wieder runter. Der Weg durch Schirmeck zieht sich dann etwas, auch die auf der Karte eingezeichnete Brücke ist nicht erst seit gestern baufällig und gesperrt, so dass wir noch einen kleinen Umweg nehmen müssen. Drüben geht's dann wieder hoch und man kommt langsam in den Bereich der KZ-Gedenkstätte Struthof.
Die Wirkung der Gedenkstätte Struthof ist naturgemäß bedrückend, auch wenn man es auf der Wanderung nur streift (um es sich anzusehen sollte man gesondert hinfahren, zeitlich hätten wir das zusätzlich zu unserer Wanderung nicht geschafft). Was mich auf den nächsten Kilometern allerdings beschäftigt hat, das war die Gestaltung der Nekropole, denn mir wurde klar, dass mir das nicht gefällt. Ich hab keine Bilder gemacht, aber man muss sich das so vorstellen, dass da mehrere Reihen schlichter Steinkreuze exakt ausgerichtet in Reihen stehen, vielleicht zehn Reihen und hundert Kreuze pro Reihe.
Und irgendwie hab ich mir gedacht, dass es doch auch ein wesentlicher Bestandteil der dort verübten Verbrechen war, dass den Menschen ihre Individualität genommen wurde. In Gefangenenuniformen gesteckt und mit Nummern versehen, waren sie damit Bestandteil einer uniformen Menge und von außen gesehen war der einzelne Mensch seiner wertvollen einzigartigen Persönlichkeit beraubt.
Und jetzt wird ihrer gedacht – auf eine Art, die genau diese erzwungene Uniformität widerspiegelt? Okay, vielleicht soll einen das genau auf diesen Gedanken bringen, aber sogar wenn das so ist und sich dahinter dann ein ehrenwertes Ziel verbirgt: Ich finde, beim Gedenken sollte nicht das verbrecherische Geschehen im Mittelpunkt stehen, sondern die vielen ganz unterschiedlichen Menschen, von denen jeder einzigartig und besonders war und die in ihrem früheren Leben vermutlich kaum überhaupt etwas miteinander verbunden hatte. Bereits die Zuschreibung "die Juden" finde ich problematisch: wie viele haben sich wohl in ihrem Leben selbst so definiert? Wir wissen es nicht und wir tun dem Individuum unrecht, ihm das so zuzuschreiben.
Wenn ich schon dabei bin (und ich schildere ja die Gedanken, die mich auf den folgenden Kilometern so beschäftigt haben):
Man liest "Nie wieder Faschismus". Das ist richtig, aber wie ich finde, zu kurz gedacht.
(Ein kurzer Exkurs, weil ich vermeiden möchte, dass jemand denkt, ich möchte die abscheulichen Verbrechen der Nazis relativieren. Gerade deshalb verdienen sie meiner Meinung nach einen Begriff, der diese Tatsache auf eindeutige Weise repräsentiert. Leider ist "Faschismus" heute zu einem banalen politischen Kampfbegriff geworden, der auf alles angewendet wird, was auch nur ein Jota rechts der eigenen Meinung liegt. Das ist keine Zuschreibung mehr, sondern eine Anti-Argumentationsgrundlage: Wer als Faschist gilt, mit dem muss man nicht mehr diskutieren – man hat sich damit der Notwendigkeit enthoben, die eigene Meinung im Diskurs zu verteidigen. Was eigentlich ein intellektueller Offenbarungseid ist, wird durch moralische Erhöhung kompensiert.)
Das eigentliche Problem: Die Parole trifft das Symptom, nicht die Ursache. Die Gefahr verbirgt sich tiefer – im Kollektivismus selbst. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich erst vor kurzem die drei Bücher von Wolfram Eilenberger über bedeutende Philosophen des 20sten Jahrhunderts gelesen habe. Besonders der mittlere Band hat mich sehr beeindruckt, und hat meine Meinung zu diesem Thema sehr geschärft.
Also:
Ein ausreichend verinnerlichtes "Wir" enthält immer auch ein "die" – sonst funktioniert es nicht. Das ist keine moderne Erkenntnis: Simone Weil hat es in den 1930ern mit erschreckender Klarheit beschrieben, als sie Faschismus und Stalinismus nicht als Gegensätze, sondern als strukturelle Zwillinge analysierte. Beide vereinnahmten den Staat, beide erzwangen Einstimmigkeit, beide machten den einzelnen Menschen zum Material einer kollektiven Idee. Der Unterschied war nicht das Prinzip, sondern nur das Vorzeichen.
Ich stelle mir den Kollektivismus so vor, wie ein Pilzmyzel: Es ist immer vorhanden, aber die Fruchtkörper erscheinen nur unter bestimmten Bedingungen. Und es gibt harmlose und sogar sehr schmackhafte, aber es gibt eben auch den Grünen Knollenblätterpilz und den Orangefuchsigen Raukopf.
Deshalb: Nie wieder Faschismus – ja, unbedingt. Aber das reicht nicht. Die Frage, die sich mir auf dem weiteren Weg gestellt hat, war eine andere: Wann beginnt ein "Wir" gefährlich zu werden?
Ich weiß nicht ob es eine universelle Antwort gibt. Ich weiß nur, dass ich diese Frage nicht erst hier gestellt habe. Die Abneigung gegen das vereinnahmende Kollektiv – gegen das "Wir müssen", das mich einschließt ohne mich gefragt zu haben – ist bei mir keine politische Position, die ich irgendwann erworben habe. Sie ist älter als das. Vielleicht ist Struthof nur der Ort, an dem ich verstanden habe, warum.






Wir sind dann natürlich noch weiter gewandert, die Gedanken wurden durch die schöne Landschaft wieder in genussreichere Bahnen gelenkt. Der Weg führt über eine ausgedehnte bewaldete Hochfläche und wir überschreiten dabei - ohne es recht zu merken - den absolut höchsten Punkt unserer ganzen Unternehmung.
Auch der Abstieg nach Le Hohwald ist wunderschön in der - inzwischen - Abendsonne. Unten beziehen wir unser Zimmer in der Petite Auberge Le Hohwald und essen später auch heute wieder ganz famos (ich vielleicht den besten Schweinebauch meines Lebens).



